Die Flucht nach ... Frieden

Foto: dpa/Andreea Alexandru

Derzeitige Alltagsszenen aus meiner Heimat

Eine Flucht nach Rumänien – das ist seit dem 24. Februar, als der Krieg in Ukraine begonnen hat, für mehr als 260.000 Menschen eine Flucht in den Frieden.  Rumänien und die Ukraine teilen sich eine 650 Kilometer lange Grenze; auch über die Republik Moldau kommen Kriegsflüchtlinge. Viele sind nur auf der Durchreise, obwohl einige auch über einen rumänischen Pass verfügen. Etwa 200.000 Menschen haben Rumänien bereits wieder verlassen und sind weiter nach Westeuropa zu Verwandten oder Bekannten gegangen. Jeden Tag flüchten ein paar tausend Personen, zuallermeist Frauen mit Kindern und ältere Menschen nach Rumänien. Beim nordrumänischen Grenzübergang Siret (114 Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt), haben seit Ausbruch der Kriegshandlungen in der Ukraine laut Grenzpolizei über 120.000 Menschen in Rumänien Zuflucht gesucht (Stand 8. März 2022). Dort formierte sich Ende Februar auf ukrainischer Seite auf beiden Fahrspuren eine etwa 20 Kilometer lange Kolonne. Viele Flüchtende haben auch lange Fußmärsche hinter sich. Und das wird, so die Prognose, nur die erste Flüchtlingswelle sein. Es gibt einige Organisationen, die bei der Grenze stehen. Sie begleiten, unterstützen und helfen allen, die etwas brauchen. Auch Ärzte, Psychologen und Priester sind rund um die Uhr dabei. Die ganze Situation mit den Menschen aus der Ukraine hinterlässt nicht nur mich nachdenklich …

Auch im Dorf Sabaoani wo ich vier Jahre lang Kaplan war, bevor ich nach Vorarlberg kam, haben sich die Bewohner auf das Kommen von Flüchtlingen vorbereitet. Ein guter Freund, Florin Varga, ist dort seit letztem Jahr Bürgermeister. Er hat mir erzählt, dass schon die ersten Menschen aus der Ukraine in die Gemeinde gekommen sind. Manche haben nur etwas zum Essen und einen Platz zum Schlafen für eine Nacht gebraucht. Andere, die nirgendwo hinkönnen, haben von einer Familie ein Haus zum Wohnen überlassen bekommen. Menschlich sein und Personen in Not helfen – das haben viele Einwohner von Sabaoani gut verstanden und einfach getan.

Ja, es ist kaum zu fassen, dass 2000 Jahre nach der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten mitten in Europa wieder viele Familien ihr Heimatland und ihre Häuser verlassen müssen. Dieser Realität kann wohl niemand ohne innere Schmerzen zuschauen, auch wir nicht. Könnten wir uns vorstellen, wie es wäre, selbst unser Zuhause verlassen zu müssen wie die Heilige Familie in der Vergangenheit und tausende Familien aus der  Ukraine in der Gegenwart, um in Frieden weiterleben zu können? *

Kpl. Paul Niculaesi

 

Und wir? Wie können wir helfen?
Die Bilder sind kaum auszuhalten! Der Krieg ist zurück in Europa. Stündlich erreichen uns Bilder des entsetzlichen Leids aus der Ukraine. Stündlich erreichen uns Bilder von den Grenzen zu den westlichen und südlichen Nachbarstaaten der Ukraine, wo Tausende darauf warten, in den Frieden zu gelangen. Trotz des Grauens müssen wir einen klaren Kopf behalten. Wie kann das gelingen? Als Christen dürfen wir dabei an den hl. Benedikt denken. In seiner Ordensregel lesen wir die Worte: Ora et labora!

Ora – beten
Um einen klaren Kopf zu bewahren, hilft das Gebet. Es ist das beste Gegenmittel gegen kopflos zu werden. Es ist die beste Medizin, herumschwirrende Gedanken zu ordnen und die empfundene Hilflosigkeit ins Wort zu bringen. Im Gebet sprechen wir aus, was uns bewegt, bedrängt und innerlich umtreibt, und legen es dem vor, von dem wir wissen, dass er mitten unter den Menschen ist, auch unter denen, die flüchten müssen und um ihr Leben bangen. Es gehört für mich zu den tröstlichsten Bildern, wenn Priester in den unterirdischen Bahnhöfen der Metro Kiews die Messe feiern, und wenn Menschen gemeinsam auf den dortigen Straßen beten. Gott ist da! Auch in dieser furchtbaren Situation. Seit Kriegsbeginn beten wir in der Pfarre Rankweil täglich für den Frieden in der Ukraine und darüber hinaus, nämlich jeden Morgen um 7.00 Uhr beim Rosenkranzgebet in der Gnadenkapelle und bei allen Gottesdiensten, sonntags wie werktags. Alle sind dazu eingeladen!

Labora – tätig werden
Das Gebet gibt die Kraft zu handeln. Es verwurzelt uns in Gott, der uns Einsicht schenkt, was zu tun ist und was getan werden kann. Unsere Mithilfe ist nötig, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern.

  • Deshalb laden wir ein, die Bitte nach einer Zurverfügungstellung von Wohnraum nicht zu überhören. Wer immer Gelegenheit hat, Flüchtlinge aus der Ukraine vorübergehend aufzunehmen, kann dieses Angebot per E-Mail an folgende Adressen richten. unterkunft.ukraine@vorarlberg.at oder fluechtlingshilfe@caritas.at
  • Auch Geldspenden sind herzlich willkommen. Wir als Pfarre Rankweil wollen den Helferinnen und Helfern in Sabaoani, unter die Arme greifen, wo Kpl. Paul für vier Jahre als Priester tätig gewesen ist. So unterstützen wir jene, die anderen an der Grenze und in ihren Grenzerfahrungen helfen. Wer dazu etwas beitragen will, kann bei uns eine Spende abgeben oder auf folgendes Konto der Pfarre Rankweil überweisen: IBAN: AT17 3742 2000 0721 6724

  • Wir freuen uns, wenn viele aus unserer Gemeinde mitdenken und überlegen, wie sie selbst in dieser Situation tätig werden können. Wer gute Ideen hat, um die Hilfsorganisationen an der West- und Südgrenze zu der Ukraine durch Spendenaktionen zu unterstützen, findet bei uns als Pfarre ein offenes Ohr. Gerne stellen wir unsere Infrastruktur zur Verfügung. Gerne helfen wir mit, wenn jemand aus Rankweil seine ganz persönliche Idee umsetzen will, um das Leid zu mildern und um Menschlichkeit stark werden zu lassen.

Dr. Michael Landau, Präsident der Caritas Österreich, sagte: Diese Hilfeleistung wird kein Sprint sein, sondern ein Marathon! Wir werden Ausdauer benötigen. Die bisherige Erfahrung stimmt mich zuversichtlich, dass auch dieser Hilfs-Marathon gut gelingen wird, damit Gott wirkt und die Mitmenschlichkeit stark bleibt, auch durch uns in Rankweil. *

Pfr. Walter Juen