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Gold, Weihrauch – und Karotten

Eigentlich ist Weihnachten ganz anders

Die folgende Geschichte hat sich bei uns in Viernheim tatsächlichereignet: In einer fünften Klasse des Gymnasiums fragt der Religionslehrer in der letzten Stunde vor Weihnachten: „Und, wisst ihr auch, welche Gaben die Heiligen Drei Könige mitgebracht haben?“ – „Gold!“, klar, das haben sich die Kinder behalten. Der Lehrer nickt bestätigend. „Und was noch?“, fragt erweiter. Zaghaft hebt sich ein Finger: „Weihrauch!“ „Sehr gut!“, bestätigt der Lehrer – wahrscheinlich kam die Antwort von einem Ministranten. Und der Lehrer fasst nochmals nach: „Und was noch?“ – „Karotten!“, sagt ein Schüler schließlich zögernd.Der Lehrer ist zugegeben ein wenig irritiert – und sein Gesicht scheint das auch auszudrücken. Da meldet sich ein anderer Schüler, um zu helfen, und sagt: „Bei denen zu Hause sagen sie zu Möhren immer „Karotten“ !“

Die Myrrhe, das dritte Geschenk der Heiligen Drei Könige, hatte keinen Platz mehr im Denken und Wissen der Kinder und Jugendlichen– damit konnten sie nichts anfangen. Und so wurde es kurzerhand zu dem umfunktioniert, was sie aus ihrem Alltag kennen. Und wer Myrrhe sagte, meint bestimmt Möhren, vorallem, wenn er vielleicht Dialekt spricht oder Deutsch nicht als Muttersprache hat – und in manchen Regionen Deutschlands sagt man zu Möhren halt nun wirklich Karotten.

Das Kind stellte sich also irgendwie vor, dass einer der Heiligen Drei Könige dem Jesuskind Karotten mitgebracht hatte.

Warum sollten die Heiligen Drei Könige eigentlich keine Karotten mitgebracht haben? Zugegeben – uns scheinen Karotten nicht besonders reizvoll als Geschenk – wir können sie hier im Supermarkt im Überfluss kaufen. Und eigentlich will man ja schon irgendwas Spezielles und ganz Persönliches schenken – und ich frage Sie jetzt auch nicht, wie viel Zeit und wie viel Ideen Sie das in der Adventszeit kostet. Ich bin mir jedenfalls ganz sicher – mit einem Bund Karotten würde sich nie jemand von Ihnen unter den Weihnachtsbaum trauen.

Die Heiligen Drei Könige haben das mitgebracht, was sie hatten– und es waren reiche Leute: Sie hatten Gold, Weihrauch und Myrrhe. All das können wir nicht bieten. Aber das ist ja noch kein Grund, mit leeren Händen vor der Krippe zu stehen.

Was werden Sie denn in diesem Jahr dem Christkind als Geschenk an der Krippe vorbeibringen? Was werden Sie ihm schenken? Wollen Sie ihm überhaupt etwas schenken? Oder sind Sie so damit beschäftigt, all Ihren Lieben das passende Geschenk zu besorgen, dass Sie das Kind in der Krippe ganz vergessen haben? Oder anders gefragt: Was ist denn das, was Sie im Überfluss haben – und haben Sie es hergegeben? Haben Sie es Gott gegeben?

Ja, es können Karotten sein. Vielleicht hatten Sie eine gute Ernte. Möglicherweise scheinen Ihnen diese Karotten gar nicht wichtig zu sein. Aber irgendjemand braucht eventuell genau das, was Ihnen so unwichtig erscheint. Und er wartet darauf, dass Sie es ihm geben.

Das ist Weihnachten. Nicht mehr und nicht weniger. Gott gibt das, was er im Überfluss hat – Liebe. Er liebt uns so sehr, dass er sich klein macht, mit uns alle unsere Menschenwege mitgehen zu können.

Wir brauchen Gott nicht das zu geben, was wir nicht haben, nicht können, nicht sind. Wir sollen unseren Mangel nicht vergrößern – sondern von unserem Überfluss abgeben.

Manche haben Zeit übrig, andere können gut Holzsterne basteln, wieder andere können hervorragend kochen, manche können intensiv zuhören. Ja, dann bringen Sie das dem Kind in der Krippe.

Manche sind sehr traurig, haben Angst, sind einsam. Ja, dann bringen Sie das dem Kind in der Krippe.Das Kind nimmt nicht nur die hellen und schönen Geschenke an, sondern auch die dunklen und schweren.

Wenn wir kein Gold, keinen Weihrauch und keine Myrrhe anzubieten haben, dann lasst uns dem Kind das geben, was wir haben. Von mir aus auch Karotten.

Das Kind wird schon wissen, was es damit anfangen kann. Wir können gewiss sein – das Kind, dem wir all das geben, was wir haben, können und sind, kann und wird es annehmen – und es verwandeln.

Wir können ihm all das Schöne bringen, für das wir dankbar sind – wir können ihm all das bringen, unter dem wir leiden – und wir können ihm all das bringen, was wir im Überfluss haben. Das Kind will gar nicht, dass wir ihm das geben, was wir sowieso nicht haben. Und dann brauchen wir das auch gar nicht erst zu probieren

…Das ist Weihnachten – mich mit einem Geschenk vor Gott bringen. Aber – und das ist das Entscheidende: Ich muss mich dazu entschließen, es Gott zu geben, heute, hier und jetzt.

 

Quellenangabe: Schwarz, A., Eigentlich ist Weihnachten ganz anders.Hoffnungstexte. Freiburg im Breisgau 2010.

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