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Nächstenliebe darf nicht kuschen

Kommentar von Julia Ortner

"Es sind heute vor allem die NGOs, ob kirchliche oder sakuläre, die Lobbyarbeit für Arme betreiben"
Das Hochamt am Ostersonntag mit dem Kardinal im Stephansdom ist der gesellschaftliche Höhepunkt der Saison, da werden sich Politik und Prominenz vom Osterfrieden beseelt in die Kirchenbänke zwängen. Christoph Schönborn tritt vor den Feiertagen auch in der ORF-"Pressestunde" auf, wo meist nur Politikerinnen und Politiker sitzen. In Österreich hat die katholische Kirche nach wie vor einen wichtigen Platz in der Gesellschaft, das Konkordat lebt - der 1933 geschlossene Vertrag sichert der Kirche ihre Position.

Welche Rolle spielt die Kirche in der politischen Debatte? Kardinal Christoph Schönborn und seine Caritas geben darauf nun unterschiedliche Antworten. Die Caritas-Direktoren haben in einem offenen Brief sehr deutlich vor der "schrittweisen Demontage des Sozialstaats" durch die Regierung gewarnt, es geht etwa um die Kürzungen beim AMS; Kardinal Schönborn weilte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz in Sarajevo und bekannte sich dort ungewöhnlich klar für einen Kirchenmann zum Nulldefizit der Regierung, "weil es um die Zukunft der nächsten Generation geht". Alles gut zwischen ihm und der Caritas - es habe nur "ein wenig interne Verstimmung" gegeben, weil der Brief der Direktoren textlich nicht abgesprochen gewesen sei, sagte Schönborn im Nachhinein.

Die Amtskirche mag um ein gutes Verhältnis zur Politik bemüht sein. Doch die Caritas als NGO der Kirche darf nicht nur lästig sein, sie muss lästig sein. Wer sollte sonst die Stimme der Schwächsten sein, wer ihre Interessen vertreten? Es sind vor allem die NGOs, ob kirchliche oder sakuläre, die Lobbyarbeit für Arme betreiben, sich um die Pflege oder die Flüchtlingsarbeit kümmern. Und wenn sich laut einer "Profil"-Umfrage zwei Drittel der Befragten für Sparmaßnahmen bei der Integration von geflohenen Menschen aussprechen, brauchen diese Menschen eine Stimme.

Viele meiner Generation haben verständlicherweise Probleme mit der Kirche, viele jüngere Leute sowieso, sie sind oft nicht (mehr) Teil einer Religionsgemeinschaft - humanitäre Werte kann man ja auch ohne Religion leben. Ich bin trotz zahlreicher Momente des Zweifelns und des Ärgers immer noch Mitglied dieser Kirche, wegen der familiären Prägung, der positiven persönlichen Erfahrung - und vor allem wegen der Arbeit der Caritas. Manchmal vielleicht etwas aktionistisch oder laut in der PR, sonst würden ihre Anliegen auch nicht so gehört werden. Den besonnenen Caritas-Präsidenten Michael Landau als zu "politisch" abzustempeln, wie es manche versuchen, verleugnet den Auftrag der Hilfsorganisation.

Nächstenliebe darf nicht kuschen. Nächstenliebe ist mühsam - und das ist gut so.

Kommentar von Julia Ortner
Quelle: VN vom 27.03.2018

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